Die Schutzlippe macht keine Dichtwirkung und hält auch keinen Überdruck ab. Die wenigsten Schutzlippen sind mit Überdeckung (Maß kleiner als Wellenmaß) ausgeführt, nur bei spezieller Anwendung. Schutzlippen sind meistens mit einem Spalt ausgeführt, weil kontaktlos und somit auch kein zusätzlicher Verlustreibungseintrag.
Die Anpressung der Wellendichtringe über die Steifigkeit des Elastomers und die zusätzliche Anpressung der Feder realisiert. Es bedarf keine zusätzliche Anpressung über einen Überdruck, damit es besser dichtet. Im Gegenteil! Druckbeaufschlagte Radialwellendichtringe sind im Profil ("Querschnitt des Elastomers/Anbindung der Dichtlippe) steifer ausgeführt, damit sie eben genau nicht durch Überdruck angedrückt werden, um übermäßigen Verschleiß an der Dichtkante zu vermeiden.
Eine gute Dichtheit wird nicht vorwiegend aus einer großen Pressung resultieren. Es kommt vielmehr auf die Ausführung der Dichtkante (Profil), Elastomertype und ggf. luftseitig helfende Förderstrukturen (hydrodynamische Dichthilfen an). Die Gegenlauffläche ist ebenso zu beachten (geht auch etwas aus dem Text hervor, den Mario zitiert hat). Die Gegenlauffläche darf keine Förderstrukturen aufweisen, weder weg von der Ölseite (direkte Leckage) noch zu stark nach innen (sonst gibt es Mangelschmierung unter der Elastomerdichtkante, meist aber das wenigere Übel richtungsmäßig). Daher sind Wellenabsätze für Radialwellendichtringe drallfrei geschliffen mit Rz 1-5µm, Ra max. 0,8µm und nicht gedreht.
Ebenso ist zu bedenken, dass die Viskosität des Luft-/Benzingemischs KW-Raum seitig (was überwiegend Luft ist) viel kleiner ist, als die des Öls. Dieses niedrigviskose Medium ist vom Dichtring auch deutlich schlechter "pumpbar".
Tendenziell ist es aber so, das die Förderwirkung immer von der Luftseite zur Ölseite besteht. Die Vorverdichtung (hier reden wir von ca. 0,5bar), wird die Dichtkante wie du vermutest, etwas entlasten. Dies bedeutet aber lediglich, dass ein größerer Ölschmierspalt zwischen Welle und Dichtkante entsteht, weiterhin gefüllt mit Öl unter der Dichtlippe bis zum Fluidmeniskus, der nicht einfach den Weg für das Gemisch Richtung Ölseite frei macht, sondern als Barriere dient und in aller Regel von einen funktionierenden Dichtring wieder zurückgefördert wird. Das bedeutet demnach also nicht, dass zwangsweise dann mehr Benzin-Luftgemisch zum Öl gefördert wird, zumal die Druckpulsation bis zur nächsten Umdrehung dann auch wieder nachlässt.