Reifenfreigaben

  • Hallo,


    immer wieder nicht ganz zutreffende Aussagen kursieren, bzw vermischt werden, mal eine kurze Abhandlung wie ich Farce mit den Reifenfreigaben sehe:


    1) Wenn im Zusammenhang von Motorradreifen und Zulassung/TÜV die Rede ist geht es immer nur um Fahrstabilität/-sicherheit bei Höchstgeschwindigkeit. Also dass das Motorrad nicht anfängt zu pendeln und auch auf Bodenwellen / Fahrbahnabsätzen (z.B. Brückenabsätzen) kein kritisches Kickback auftritt – hier kann es auch mal den Lenker von Anschlag zu Anschlag hauen bis hin zum folgenden Sturz.

    Ob der Reifen Haftung hat ist hier völlig irrelevant. Es wurden schon immer „Semislicks“ zugelassen so lange nur die Stabilität gewährleistet ist. Ob man unter 10 Grad beim ersten Abbiegen auf der Nase liegt oder bei Nässe den Bremshebel nur antippen braucht um auf der Straße zu liegen ist hier egal!


    2) Weiterhin ist das Thema „Freigang“ des Reifens ein Thema. Früher haben sich Reifen mit Diagonalkarkasse bei hoher Geschwindigkeit sehr weit verformt. Hier muss sichergestellt sein der Reifen nicht z.B. mit Befestigungsschrauben in Kontakt kommt und aufgeschlitzt wird. Ein seitlicher Kontakt mit z.B. Schwingenarm oder Kette kann auch ein Thema sein, wobei letzteres erfahrungsgemäß eigentlich unkritisch ist.


    3) Wichtig ist hier der Unterschied zwischen ABE und EU-Zulassung. Angeblich wird bei EU-Zulassung geprüft, ob die dynamische Hüllkurve eines Reifens nach R75 tralala immer ins Motorrad passt. Somit kann es bei keinem zugelassenen Reifen zu einem Kontakt kommen. Das ist bei ABE-Motorrädern nicht der Fall, da diese nur mit den freigegebenen Reifen zugelassen wurden, und nicht mit einem „Normreifen“.


    4) Es immer von „besseren“ neuen Reifen die Rede. Dem ist prinzipiell zuzustimmen, aber streng genommen gilt das überwiegend für die Technologie:

    a) Diagonalreifen (4.00H18, aber auch 90/90V18…) haben sehr großen Einfluss auf das Fahrverhalten des Motorrades. Ob die Karkasse hart oder weich ist, also Anzahl der Lagen, die Fadenwinkel etc., alles hat einen Einfluss auf das Fahrverhalten. Das kann auch bei verschiedenen Motorrädern völlig konträr sein. Deshalb wurden mit diesen Reifen „damals“ in den 70-ern (?) erstmals zurecht die Freigaben eingeführt (Goldwing, Boldor etc…)

    b) dann kamen Diagonalreifen mit extra Gürtel um die Lauffläche stabil zu halten, aber die Flanken weich. Manche Hersteller haben das ohne extra Bezeichnung gemacht, andere gabs dann mit z.B. 140/70VB18 – mit B wie „Belt“

    c) nächste Stufe waren die Radialreifen, beginnend mit dem Michelin A/M59x. Hier wurde erstmals eine Karkasse mit 90 Grad Fadenwinkel und einem (herkömmlichen) Schnittgürtel umgesetzt was die Fahrstabilit als auch das Verformen bei hoher Geschwindigkeit verbesserte. Das Verhältnis aus Stabilität der Lauffläche und Flex der Seitenwand wurde deutlich verbessert.

    d) Dann kamen mit Metzeler Z1 / Pirelli MTR01 die ersten Hinterreifen mit 0 Grad (längs aufgewickelt) Stahlgürtel, was weitere positive Auswirkungen auf die Stabilität hatte (Kickback wurde deutlich verringert). Der Vorderreifen war aus Stabilitätsgründen weiterhin einer mit Schnittgürtel.

    e) Letzte Entwicklungsstufe (Metzeler Z3?, um 2000?) war dann schließlich die Einführung des 0 Grad-Gürtels auch für Vorderreifen. Mit dieser letzten Stufe schließlich wurden die Reifen so „verzeihend“ dass man praktisch jeden Reifen auf jedem Motorrad fahren kann ohne dass gefährliche Fahrzustände auftreten.


    5) Mit der Reifenentwicklung ging auch die Freigabeprozedur einher: Während es in den 70/8ß/90-ern praktisch zwingend notwendig dass für ein Motorrad ab einer bestimmten Vmax nur getestete Reifen zum Einsatz kommen dürfen, wurde das Thema zunehmend unkritisch und das Verfahren dass vom Hersteller Motorrad und Reifen einmal eine Testfahrt gemacht wurde, eine Bescheinigung ausgestellt und zum Download zur Verfügung gestellt, etabliert.

    Nun kommt mein Problem: ImO war dieses Verfahren völlig ausreichend. Die Praxis dass man die Freigabe nur mitführen muss ohne Eintrag in die Papiere war technisch einwandfrei und für den Anwender völlig sicher. Dass man plötzlich die Reifen teuer begutachten und eintragen lassen musste konnte nur in der Geldgier der Prüfinstitutionen begründet werden. Alles unter dem scheinheiligen Deckmantel der Sicherheit.


    6) Nachdem es seit Beginn dieser Regelung einen immerwährenden Ärger gibt rudert man seitens der Prüforganisationen teilweise wieder zurück und es kommt nun in der Praxis zu 3 Szenarien:

    a) Der Prüfer pocht auf die Regeln und besteht darauf nur genau den einen Reifen einzutragen. Dabei ist man dann mit Änderung des Scheins gute 100€ los. Und beim nächsten Reifen wieder…

    b) Es wird eingetragen „Reifenfreigabe nach Herstellerbescheinigung“. Damit ist man praktisch genau da, wo man vor dem ganzen Schlamassel auch schon war. Immerhin muss man dann nur einmal blechen und hat dann wieder Ruhe.

    c) Es wird die Reifenbindung einfach ausgetragen. Das ist natürlich löblich, aber in meinen Augen nur bei modernen Fahrzeugen die mit den o.g. Reifen nach 4e) ausgerüstet sind. Es werden in der Praxis die Bindungen aber auch bei uralten Karren mit Diagonalreifen ausgetragen, wobei die Fahrsicherheit bei allen in der Praxis vorkommenden Reifenkonstruktionen nicht gegeben sein wird, da die Entwicklung in Richtung Fahrstabilität vor allem eine konstruktive war. Wenn man aber eine „alte“ Konstruktion verwendet ist das weitgehend hinfällig. So lange Reifen wie zB BT45/46 verwendet werden, die in der Praxis meist „belted“ aufgebaut sind, sehe ich das unkritisch. Dass man da nun aber jede Pelle verwenden kann ist imO übers Ziel hinausgeschossen. Mit der Kritik meine ich keine RD250 die 140 drauf bekommt, sondern olle „Superbikes“.


    Ergo: Wir haben nun einen völligen Wildwuchs aus übertriebener Sicherheit (ein bereits von offizieller Stelle freigegebener Reifen muss nochmal durch eine Prüforganisation freigegeben werden) und technisch fragwürdigen Handhabungen wie die Löschung der Freigaben bei alten Kisten mit Diagonalreifen. Auch dass auf eine 320kmh-Rakete mit EG-Zulassung jeder Reifen vom Grabbeltisch montiert werden darf, finde ich etwas fragwürdig. Theoretisch könnte demnach ein Hersteller eine „Budget-Linie“ fertigen mit einfachen Schnittgürtel-Radialreifen und man dürfte das Zeug ganz offiziell fahren.


    Habe fertig,

    Gruß J-C

    Schieber- , Getriebe- , Motorgehäuse- und Kurbelwellenkiller

  • Gut zusammen gefasst.


    Wer mit technisch begründbaren Zusammenhängen oder gar Logik sympathisiert bekommt bei dem Thema sicher Phantomschmerzen.


    In der Praxis sehe ich es aber etwas gelassener. Wer sich etwas für "seine" Reifen interessiert findet sicher brauchbare Empfehlungen und Erfahrungen. Die Reifenhersteller stellen ja weiterhin "Service Informationen" und "Herstellerbescheinigungen" aus. Unter der Annahme, dass die Reifenhersteller wissen was sie tun ist das ja schon mal ein Anhaltspunkt.

    Und in Zeitschriften etc. gibt's auch immer wieder Tests mithilfe derer man höchstwahrscheinlich den "unpassendsten" Reifen für sein Mopped vermeiden kann.


    Ärgerlich ist sicher, dass das Ganze jetzt u.U. (wieder) mit Kosten und Aufwand verbunden ist wo vorher zwei Seiten DIN A4 genügt haben :domino: .


    VG

    "Heute ist die gute alte Zeit von morgen", Karl Valentin

  • Ja, das ist es ja.

    HU alle 2 Jahre kostet bei der RGV schon mehr als Steuer und Versicherung zusammen. Für eine Viertelstunde Arbeit.

    Und nun noch der Reifenka*k für nichts außer Geldmacherei. Nochmal 100€ für einmal Motorrad ankucken, Freigabe ankucken und Papierkram ausfüllen :mecker:

    Schieber- , Getriebe- , Motorgehäuse- und Kurbelwellenkiller